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Krasse Kurzgeschichten im Kerzenschein

Kürzlich war Sascha Bisley in unserer Schwarzkaue zu Gast, um aus seinem Buch „Bisleyland“ vorzulesen. Es ging um Demütigung und Scheitern, um Tragik und Trunksucht. Lustig wurde der Abend trotzdem.

„Alte Menschen sind Scheiße, jedenfalls riechen sie so. Und sie sind unfreundlich, verhärmt und haben jegliche Freude am Leben verloren”. Mit lockerer Ungeheuerlichkeit hallen Bisleys Worte in der weitläufigen Schwarzkaue nach. Manch ein Zuhörer kauert tief versunken mit verschränkten Armen in einem der altmodischen Federkernsofas. Hat er das gerade wirklich gesagt? Faszination und Unbehagen halten sich bei vielen Gästen die Waage, bis Bisleys Kurzgeschichte „Das Leben mit Piemontkirsche“ eine herzergreifende Wendung nimmt. Der Autor erzählt, wie er als 13-Jähriger zu Sozialstunden im Altenheim verdonnert wurde. Nachdem er seinen inneren Widerstand gegen die Strafe aufgegeben hat, freundet er sich immer mehr mit den Bewohnern an. Was ihn mit den Alten, Blinden und Dementen verbindet ist seine Unangepasstheit, das Abweichen von gesellschaftlichen Normen.

„Menschen, die ich erst für total weggetreten oder zumindest debil gehalten habe, erscheinen mir jetzt wie Überlebenskünstler, die selektiv entscheiden, wem sie sich öffnen und die ihre Energie für die wirklich wichtigen Sachen und die richtigen Menschen aufsparen. Abscheu und Ekel ist Bewunderung und Freundschaft gewichen und ich fühle mich reifer und besser als je zuvor.“

Etwa 100 Gäste sind an diesem Samstagabend auf Schlägel und Eisen zur Lesung von Sascha Bisley gekommen. Im Schein alter Stehlampen bekommt die Lesung zwischen ausgefransten Perserteppichen und eisernen Kauenkörben etwas überraschend Festliches. Zu Beginn hatte der 44-Jährige seine Zuhörer noch dazu aufgefordert, sich wie zu Hause zu fühlen, jederzeit gerne aufzustehen, zu rauchen oder sich ein Bier zu holen. Jetzt jedoch hören alle gebannt zu. Zart und einfühlsam sind manche Geschichten, andere klagen eine Gesellschaft an, die keine Andersartigkeit zulässt. Was alle Erzählungen jedoch gemeinsam haben, ist ihr rustikales Vokabular. Worte wie Fotze oder Schlampe fallen. Ganz wenigen Zuhörern ist das zu hart. Die meisten Menschen im Publikum lassen sich auf die vom Autor selbst erlebten Geschichten ein und haben immer mehr Freude an den amüsanten und krassen Anekdoten aus „Bisleyland“.

Warum so viele Menschen über seine doch oft recht unerfreulichen Erlebnisse lachen, wird Sascha Bisley schließlich in der anschließenden von Sylvia Steffan moderierten Fragerunde gefragt. Das wundere ihn selbst, antwortet Bisley, dabei ist die Antwort offensichtlich: Hier hat ein sensibler und höchst kreativer Mensch seine prekären Eindrücke so lange sprachlich bearbeitet, bis sie komisch geworden sind.

Viele Gäste sind fasziniert der Ambivalenz aus Witz und Schrecken. Viele möchten sich etwas vom Abend mit nach Hause nehmen und lassen sich ihr Exemplar von „Bisleyland“ vom Autor signieren. Für uns als Klub Schlägel & Eisen war die Lesung mit Sascha Bisley der gelungene Einstieg in unser reguläres Kulturprogramm.

Am 8. Juli liest Frank Goosen aus „Mein Ich und seine Bücher“.

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